Kleine Geschichte der Blasmusik
Schon im späteren Mittelalter sorgten bei festlichen Aufzügen und Turnieren Trompeten, Posaunen und Pauken für musikalische Umrahmung. Zum Tanz und beim Mahl unterhielten Pfeifer. Nach und nach führte das Spielen auf Blasinstrumenten zum Ausbau verschiedener Stimmregister, wie man sie schon auf einer Abbildung des bekannten Triumphzuges von Kaiser Maximilian sehen kann.
Die Entstehung der heutigen Blasmusikkapellen hängt vor allem mit dem Aufschwung der Militärkapellen im 19. Jahrhundert zusammen. Diese wurden wiederum von der türkischen Janitscharenmusik angeregt. Voraussetzung dafür war die Einführung des Gleichschrittes um 1750. Nach dem Wiener Kongress von 1815 wurden die Schwegler, Trompeter, Posauner und Pauker zum heutigen Klangkörper ausgebaut. Seither sind die Musikkapellen nicht nur wegen ihrer musikalischen, sondern auch aufgrund der gesellschaftlichen Werte nicht mehr wegzudenken.
Unsere Gründungsgeschichte
„…Pfarrer Marte wars, ja, er hat mit uns nicht nur einen Gesangschor gegründet, sondern hat mit großem Eifer auch seine 26 Mann starke Blasmusik ins Leben gerufen. Wann das genau war? Es muss 1911 gewesen sein…" Alois Heiß („Jocheler's Luis"), Festschrift zum 70-jährigen Jubiläum, 1981
„Das waren Zeiten. Die in Böhmen gekauften Instrumente hat mein Vater, Alois Heiß sen., mit seinem Ochsenfuhrwerk vom Zirler Bahnhof nach Reith transportiert… Um 900 Kronen haben wir die ca. 25 Instrumente in Graslitz, Böhmen, gekauft. Die Gemeinde hat einen Großteil dieser Summe in Form von Holz beigesteuert, die Schlägerung haben wir Musikanten in Freizeitschichten durchgeführt."
Für eine Krone konnten seinerzeit 5 kg Brot erworben werden – nach heutigen Verhältnissen ein Kaufpreis von rund 4.360 € (60.000 Schilling). „…den Rest des benötigten Geldes erwarben wir uns zum Beispiel durch Konzerte, Losverkäufe mit Glückstopf und Theaterveranstaltungen", so Alois Heiß.
Besonders originell für heutige Verhältnisse scheint die Einteilung der Instrumentengruppen vorgenommen worden zu sein. So schilderte Josef Neuner („Sandler Seppl") noch kurz vor seinem Ableben im Jahr 1977:
„…zusammengekommen sind wir in der Stube des Gabriel Hendl. Als der Ochsenkarren mit den Instrumenten vor der Stube halt gemacht hatte, begann der alte Jocheler mit der Instrumentenzuteilung. Die ging so vor sich, dass er einfach ein Instrument vom Wagen nahm und es dem Nächststehenden mit den Worten in die Hand gab: ‚des spielsch Du'. Zum Schluss blieben für uns Buben nur mehr die Klarinetten übrig…"
Der Erste Weltkrieg
Kaum hatte sich die Musik zu einem echten Klangkörper, getragen von Kameradschaft und Fleiß, emporgearbeitet, stoppte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges die weitere Entwicklung. So mancher der Musizierenden musste das Instrument weglegen und die Waffen in die Hand nehmen. Nach dem Krieg fanden sich – mit Ausnahme des gefallenen Kameraden Andrä Haslwanter – alle wieder zu einem neuerlichen, schwer zu bewältigenden Beginn zusammen. Uniformen, Instrumente und Noten waren zum Großteil verloren gegangen. Trotzdem wurde bereits 1922 in Seefeld in Feuerwehruniform aufgespielt.
Neubeginn
Über Vermittlung von Engl Bacher nahm die Musik im Jahr 1924 an einem Konzert in München/Thalkirchen teil. Nur ständiges Proben und fleißiges Musizieren in karger Freizeit ermöglichte diesen erfolgreichen Auftritt. Obmann Alois Sailer („Brigl's Luis") gelang es 1927, Karl Mühlberger – langjähriger Dirigent der Regimentsmusik des ersten Tiroler Kaiserjäger-Regimentes und Schöpfer des Kaiserjägermarsches – als Kapellmeister zu gewinnen.
Mühlberger hatte die musikalische Leitung gegen ein Entgelt von monatlich 100 Schilling übernommen – eine beträchtliche Summe, verdiente doch ein Arbeiter zur damaligen Zeit ebenfalls 100 Schilling monatlich. Wie alte Musikkameraden erzählten, achtete Mühlberger mit beinahe militärischer Strenge auf die Einhaltung von Proben und Ausbildungszeiten. Einer der Höhepunkte seines Schaffens in Reith war die Aufführung einer von ihm arrangierten Messe von Michael Haydn.
„…zum 1930 abgehaltenen Bezirksmusikfest in Mötz fuhren wir Musikanten ab Hatting mit der Bahn; von Reith nach Hatting und zurück sind wir zu Fuß gegangen. Aus Kostengründen wäre es uns nie eingefallen, mit der Bahn über Innsbruck nach Mötz zu fahren…"
Ein Ereignis besonderer Art war der dreitägige Besuch der Bundeshauptstadt Wien: Anlässlich eines 1933 abgehaltenen Katholikenfestes nahm die gesamte Musikkapelle an Konzerten und Umzügen teil. Auch Gemeinschaftsreisen sind keine Erfindung unserer Zeit – der Musikausflug führte 1929 mit 25 Frauen und Männern per Zug nach Venedig. Im selben Jahr fand das Bezirksmusikfest mit immerhin 10 Gastkapellen in Reith statt.
Wirtschaftlicher Aufschwung herrschte im Ichthyolwerk der Zwischenkriegszeit: Rund 150 Knappen – viele davon Reither – förderten in Schwerstarbeit das ölhaltige Gestein zur Gewinnung von Heilsalben. Eine große Zahl der Musikkameraden vertauschte zu den Barbara-Feiern Arbeitskleid und Musiktracht mit der Knappenuniform und musizierte als Knappenmusik des Ichthyolwerkes.
Diese Verbindung zum Reither Bergbau ist auch der Grund, warum die Musikkapelle Reith seit einigen Jahren die Bergkapelle Reith ist.
Wieder Krieg
Zu einem Häuflein geschrumpft – viele Kameraden standen jahrelang weit von der Heimat entfernt im harten Kriegseinsatz – rückten die Daheimgebliebenen während der Kriegsjahre von 1939 bis 1945 zu mehr oder weniger festlichen Anlässen aus.
Die Nachkriegsjahre
Die durch sieben Bombenangriffe auf Reith erfolgten massiven Zerstörungen bewirkten auch den Verlust von Musikinstrumenten, Notenmaterial und so mancher Tracht. Trotz vieler Schwierigkeiten fanden sich schon 1947 mehrere Musikkameraden zu einer Tanzmusik zusammen und sicherten damit den Fortbestand der Reither Musik. Bereits 1948 stand die Musikkapelle bei der Orgeleinweihung im Mittelpunkt des festlichen Geschehens.
Mit Spannung erwartete die Reither Bevölkerung 1952 die Sendung „Blasmusikanten spielen auf" von Radio Tirol – war die Musikkapelle doch erstmals im Tonstudio zu Gast. Aufgenommen wurden „Bruckerlager-Marsch", „Hyazinthen-Walzer", „Fiadora-Ouvertüre" und „Potpourri der Volkston".
50-jähriges Jubiläum
Das ganze Dorf war mit dabei: Die Feierlichkeiten waren ein kultureller Höhepunkt im Dorfgeschehen des Jahres 1961 – „50 Jahre Musikkapelle Reith". Der „Fünfziger" wurde gebührend gefeiert.
Neu-Instrumentierung
Anlässlich der Dorfplatzeinweihung 1963 konnte die Musikkapelle Reith mit den neuen, auf normale Stimmung umgestellten Instrumenten erstmals in der Öffentlichkeit konzertieren. Die bisherigen Instrumente waren einen halben Ton höher gestimmt als ein Streich-Orchester – gut für Marschmusik, aber ungeeignet für das gemeinsame Musizieren mit Orgel, Klavier oder Streichinstrumenten, sodass gerade bei kirchlichen Feierlichkeiten kein Zusammenwirken möglich war.
In Anerkennung der Leistungen auf kulturellem Gebiet und in der Fremdenverkehrswerbung stellten die Gemeinde 50.000 Schilling und der Fremdenverkehrsverband 32.000 Schilling für diese „Hunderttausend-Schilling-Aktion" bereit; der Rest wurde mit Kameradschaftsgeldern finanziert.
Am höchsten Punkt der Gemeinde, der Reither Spitze (2.375 m), verschönerte die Musik 1960 die Einweihung des von der Feuerwehr errichteten Gipfelkreuzes – Pfarrer Franz Spörr war sichtlich erfreut. Auch 1970 war die Musik wieder dabei, als das Holzkreuz nach einem Blitzschlag durch ein Metallkreuz ersetzt wurde.
Fahnenweihe
58 Jahre nach der Gründung konnte die Musikkapelle Reith endlich das zur Treue verpflichtende Symbol – eine eigene Fahne – von der Fahnenpatin Antonia Hueber entgegennehmen. Verziert mit dem Wappen der Gemeinde Reith auf der einen und dem Bildnis der Heiligen Cäcilia auf der anderen Seite (der Entwurf stammt vom einheimischen Künstler und Ehrenbürger Prof. Johannes Obleitner), weihte Pfarrer Franz Spörr die Fahne anlässlich der Feldmesse zum Bezirksmusikfest 1969 in Reith.
Die Siebzigerjahre
Im sechzigsten Jahr nach der Gründung wurden Alois Heiß und Josef Neuner für 60 Jahre aktives Mitwirken ausgezeichnet. Beim Bezirksmusikfest 1973 in Reith erreichte die Reither Musik mit dem Wertungsstück „Musik erklingt" die Wertungsnote „Sehr gut" – Kapellmeister Johann Weitzer war mit Recht stolz. 1974 übersiedelte die Musik vom Proberaum im Schulhaus in das neue Probelokal im Untergeschoss des Pavillons. Die Fertigstellung des Gemeindesaales 1977 und der Ankauf eines Festzeltes durch Feuerwehr, Schützen und Musik 1979 ermöglichten fortan Feste unabhängig von der Witterung.
Die letzten 30 Jahre
Dass man in Reith zu feiern versteht, bewies das Bezirksmusikfest zum 70-Jahr-Jubiläum 1981 – ein Höhepunkt war der Auftritt der Militärmusik Vorarlberg unter der Leitung des Reithers Leutnant Erich Hendl. Auf Initiative des rührigen Langzeitobmanns Pepi Saurwein wurde die schmucke Cäcilienkapelle in Auland errichtet und 1989 eingeweiht.
Musik uns stets den Geist erneut,
Musik vertreibt die Traurigkeit,
Musik macht lustig, kürzt die Zeit,
Musik uns ewig neu erfreut!
Die Kapelle und ihre Umgebung laden seither immer wieder zu besinnlichen Feldmessen und darauffolgenden Waldfesten mit schmissiger Blasmusik ein. Im Lauf der Jahre entwickelte sich eine Freundschaft zu den Musikkapellen von Reith im Alpbachtal, Reith bei Kitzbühel und Reit im Winkl – alle paar Jahre kommen die vier Kapellen zu den „Reither Treffen" zusammen.
2001 wurde unter Obfrau Marina Rainer und Kapellmeister Toni Bramböck ein vielbeachtetes Bezirksmusikfest zur 90-Jahr-Feier abgehalten. 2004 bot gleich zwei Highlights: Anfang Jänner reiste eine Musikgemeinschaft Reith/Scharnitz nach Menton (F) bei Nizza, um die Südfranzosen bei „Weihnacht in den Bergen" mit heimischen Märschen zu begeistern; im März folgte der Auftritt der vier Plateaukapellen beim Musikantenstadl in Seefeld. Im Juni 2006 konnte das neue Probelokal im umgebauten Musikpavillon bezogen werden – mehr Platz, mehr Licht, eine angenehme Atmosphäre.
Die Bergkapelle Reith ist ein zwar kleiner, aber „verschworener Haufen", bei dem die Kameradschaft einen sehr hohen Stellenwert besitzt – nicht zuletzt durch legendär gewordene Ausflüge nach Menton, Bully-les-Mines (Nordfrankreich), Südtirol (Schenna, Meran), zu niederösterreichischen Weinverkostungen oder zur Insel Frauenchiemsee.
Ausblick
Obwohl die Bergkapelle Reith die kleinste Musikkapelle des Musikbezirks Seefelder Hochplateau ist, erfüllt sie immer wieder vorbildlich ihre Aufgaben für die Allgemeinheit. Bleibt zu hoffen, dass sich auch in den nächsten Jahren junge und junggebliebene Musikbegeisterte zum gemeinsamen Musizieren motivieren lassen. Zurzeit machen die Jungmusikanten rund zwei Drittel der Kapelle aus – daher dürfen wir voller Zuversicht die nächsten 100 Jahre angehen.